Beim Angeln

Der Holzbock
30. August 2011
Seppls kleine Sonnenblume
30. August 2011

Beim Angeln

Vom schmalen Weg, der hinauf zum Bergsee führt, hört man jemanden ein Liedchen trällern:
„Heute geh’n wir angeln,
trallalalala, trallalalala,
und werden Fische fangeln,
trallalalala!“
Es ist Kasperl, der hier so lauthals singt, dass sogar die Vögel erschrecken und davon flattern. Hinter ihm marschiert missmutig sein Freund Seppl hinterher. Kasperl will von ihm wissen, warum er denn nicht mitsingt? – Seppl ist nicht in der Stimmung zum Singen: Erstens, weil er den Berg hinauf laufen muss und zweitens, weil er keine Lust zum Angeln im Bergsee hat. Das ist für ihn immer so furchtbar langweilig. So oft er es auch schon versucht hat, bei ihm hat noch nie ein Fisch angebissen. Kasperl hat dafür eine ganz einfache Erklärung. Seppl hat bisher nur noch nie etwas gefangen, weil er seine Angel nie richtig still halten kann und dauernd damit herum zappelt. Doch Seppl ist der Meinung, man muss doch mit der Angel im Wasser herum wackeln, sonst bemerken die Fische den Angelhaken ja nicht. Am Rande des Bergsees sammelt Kasperl schnell ein paar Würmer in sein Eimerchen. Dem Seppl gibt er nun einen Wurm ab, damit er diesen an den Haken seiner Angel hängt und diese dann auswirft. Seppl lässt sich doch noch überreden und hofft, heute vielleicht doch einmal einen Fisch zu fangen. Kasperl ist sich da ganz sicher, denn im Bergsee wimmelt es nur so von Fischen. Seppl wirft seine Angel aus und wackelt damit wieder wie immer im Wasser herum. Kasperl belehrt ihn noch einmal: „Aber Seppl, was zappelst du denn schon wieder mit der Angel herum. Halt sie ruhig und etwas tiefer. Wenn du so damit herum wackelst, wird es doch sogar dem Wurm schlecht, hähähä!“ Doch Seppl findet, dass wohl eher ihm schlecht wird, wenn er lange so ruhig und angewurzelt am Bergseeufer stehen muss.
Auf einmal schreit der Seppl auf: „Aaah, Kasperl, guck mal! – Da zieht was an meiner Angel!“ Kasperl freut sich mit ihm: „Na, was sag ich denn, Seppl! Du hast doch einen Fisch gefangen! – Also, raus damit!“ Seppl muss mit aller Kraft seine Angelrute festhalten. Was daran zieht, kann nicht bloß ein kleines Fischlein sein. Seppl hat das Gefühl, das muss ein großer Haifisch oder ein Krokodil oder ein Seeungeheuer sein! – Kasperl fasst mit an und gemeinsam versuchen sie, Seppls Beute an die Wasseroberfläche zu befördern. Zu Zweit ziehen sie mit aller Kraft an der Angel! „Hau-ruck, hau-ruck, hau-ruck!“, rufen sie dabei und da! – Was ist denn das? – Da taucht plötzlich ein großes, grünes Wesen aus dem Wasser auf! – Eine weibliche Stimme ist zu hören: „Au, Au! – Zieht doch nicht so! – Ihr tut mir weh!“ Da erkennen Kasperl und Seppl erst, was sie da aus dem Wasser gefischt haben. Es ist eine Nixe, die mit ihren Haaren an Seppls Angelhaken hängen geblieben ist. Sie bittet Kasperl und Seppl, sie doch wieder frei zu lassen. Kasperl fragt sie, ob sie denn nicht einmal an Land kommen will, wenn sie schon einmal aus dem Wasser schaut. Die Nixe würde das zwar gerne einmal tun, doch das kann sie nicht! – Sie hat ja keine Beine, mit denen sie auf dem festen Land stehen und laufen könnte. Eine Nixe hat nur einen Schwanz wie die Fische. Für Seppl wäre das nichts, immer nur im Wasser zu leben, denn er steigt schon nicht gerne in die Badewanne. – Die Nixe erzählt den beiden Buben, dass sie auch nicht ihr ganzes Leben hier im Bergsee lebt. Sie ist eigentlich die Tochter des Regenbogenkönigs und war einmal Prinzessin Violetta. Als sie eines Tages hier am See spielte, tauchte plötzlich der böse Wassermolch auf und wollte, dass sie seine Frau wird. Als sie sich seinem Wunsch verweigerte, zog er sie in den See und verwandelte sie in eine Nixe. Kasperl und Seppl konnten diese unglaubliche Geschichte erst kaum glauben. Doch dann entschloss sich Kasperl dazu, gegen den Wassermolch zu kämpfen, damit er Prinzessin Violetta wieder aus dem See frei gibt. Die Nixe jedoch warnt Kasperl davor, denn es kann passieren, dass ihn dann der Wassermolch auch noch verzaubert. – Doch wie soll sie Kasperl dann befreien? – Die Nixe erzählt ihm, dass es dazu nur einen Weg gibt. Sie wird erst wieder erlöst, wenn ein mutiger Mensch zu ihr ins Wasser springt und gemeinsam mit ihr untertaucht. – Na, das ist für Kasperl kein Problem! Er hat keine Angst vor dem Wassermolch und will gleich in den Bergsee springen. – Da ruft Seppl: „Halt! Kasperl! Nicht!“ – Kasperl wundert sich, weshalb er nicht in den See springen soll. – Da deutet Seppl auf ein Schild, welches am Ufer steht. Darauf steht in großen Buchstaben: „Baden verboten!“ – Die Nixe erzählt ihnen, dass dieses Schild extra vom bösen Wassermolch aufgestellt wurde, damit sich kein Mensch traut, ins Wasser zu springen. Kasperl ist nun ganz froh, dass er in einem Schwimmkurs das Schwimmen und Tauchen bestens gelernt hat. Er nimmt Anlauf und ruft: „Achtung – Fertig – Los!“ Dann rennt er los und springt ins Wasser! Er schwimmt zur Nixe und taucht mit ihr unter. – Seppl steht ängstlich am Ufer und hofft nur, dass sein Freund Kasperl wirklich wieder auftaucht. – Es dauert und dauert, aber es tut sich nichts! – Wo bleibt Kasperl und die Prinzessin nur? – Hoffentlich hat sie ihn nicht herein gelegt und ihn mit in die Tiefe des Bergsees gezogen? –
Doch auf einmal blubbert es im See und Luftblasen steigen auf. – Da! – Ja, da sieht Seppl schon die bunte Zipfelmütze von seinem Freund Kasperl aus dem Wasser spitzen. Und kurz danach taucht Kasperl wieder ganz aus dem Wasser auf und ruft Seppl zu: „Hallo, Seppl, sieh mal, wen ich da mitbringe!“ – Gleich danach taucht neben ihm Prinzessin Violetta aus dem Wasser auf.
Kasperl schwimmt mit ihr zum Ufer und Seppl zieht Beide aus dem Wasser heraus ans Land. Prinzessin Violetta bedankt sich, bei Kasperl und Seppl, dass sie sie aus dem Bergsee und ihrem Leben als Nixe befreit haben. Zur Belohnung für ihren Mut, lädt sie Beide auf das Schloss ihres Vaters ins Regenbogenland ein. Sie verspricht ihnen, dass es dort ein großes Fest geben wird. Dort dürfen sie essen und trinken, soviel sie wollen.
Na, das lassen sich Kasperl und Seppl nicht zweimal sagen. Vergnügt gehen sie mit Prinzessin Violetta zum Schloss ins Regenbogenland.
Ihr, liebe Kinder, könnt leider nicht mit zum Feiern gehen. Ihr dürft nur in Euer Bett gehen. Aber vielleicht träumt ihr von einer hübschen Prinzessin oder von einem großen Fest in einem Märchenschloss.
Die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl wünschen Euch einen schönen Traum und eine gute Nacht!

© Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2010)

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