Das traurige Schneeglöckchen

Zwergenfasching
30. August 2011
Rückkehr der Störche
30. August 2011

Das traurige Schneeglöckchen

Ja, liebe Kinder, Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was diese Woche im Garten von Großmutters Haus vorgefallen ist! – Schnell will es Euch erzählen:

Es war ein normaler, kalter Februartag. Es lagen noch ein paar Reste von altem Schnee in Großmutters Garten. Die Sonne schickte ihre ersten wärmenden Strahlen, aber der kalte Wind hatte noch seine ganze Kraft und blies mit vollen Backen durch den Garten.
„Kling-klingeling-kling-kling….!“, bimmelte es auf einmal ganz leise und ein feines Stimmchen hörte man rufen: „Hallo, meine Schneeglöckchenschwestern, hört Ihr mich? – Hallo, ich bin schon aus der Erde gekrochen! – Aber ich kann von Euch nichts hören und sehen! – Hallo, so gebt doch Antwort! – Ich, das kleine Schneeglöckchen ruft Euch! – Wo seid Ihr? – Ich will doch nicht alleine sein! – Kling-klingeling-kling-kling! – Ach, ich armes Schneeglöckchen! – Kling-klingeling-kling-kling!“
Das leise Klingeln des kleinen Schneeglöckchens ging allmählich in ein herzzerreißendes Schluchzen über, das sogar dem kalten, starken Wind Roby zu Ohren kam, als er über den Garten fegte.  „Nanu, wer ist denn hier in Kasperls Garten so traurig?“, rief er mit seiner mächtigen, tiefen Stimme. – „Ich bin der gute Wind Roby! – Kann ich vielleicht helfen?“
„Kling-klingeling“, bimmelte das kleine Schneeglöckchen, „ich bin hier am Boden!“ –
Der Wind Roby konnte niemanden sehen und fragte nach: „Wer ist  I C H ? – Und wer bimmelt hier dauernd?“ – Das kleine Schneeglöckchen bimmelte noch heftiger: „Na, das bin ich, das kleine Schneeglöckchen!“ – „Was, ein Schneeglöckchen?“, wundert sich der Wind Roby, „Wir haben doch jetzt erst Februar und noch Winter!“. Dabei blies der gute Wind Roby wieder seine riesigen Backen auf und mit einem kräftigen Windstoß lies er die kahlen Bäume im Garten erzittern.
„Huch!“, ruft das Schneeglöckchen, „Kling-klingeling, darum ist es mir auch so kalt! – Sag mal Wind Roby, kannst du vielleicht einen etwas wärmeren Wind blasen?“
Wind Roby muss lachen: „Hahaha, nein, die Wärme bringt nur die liebe Sonne in das Land, kleines Schneeglöckchen!“ Dabei lies er wieder einen kräftigen Windstoß durch den Garten fegen.
Das kleine Schneeglöckchen jammerte: „Oje, mir ist aber kalt! – Klingeling! – Ich bin doch immer noch ganz alleine! – Was soll ich denn ohne meine Freunde machen? – Am liebsten würde ich wieder in die Erde zurück kriechen. Aber das kann ich nicht! – Klingeling!“
Dem guten Wind Roby tat das kleine Schneeglöckchen leid und er überlegte kurz, wie er ihm helfen könnte. „Pass mal auf, du kleines, vorwitziges Schneeglöckchen, ich werde jetzt erst einmal mit großer Windstärke um Großmuttis Haus blasen. Vielleicht hört es Kasperl und er kommt heraus in den Garten. Bestimmt kann er dir helfen!“ Schon startete der Wind Roby und flog mit dicken Backen um das Haus herum. „Sch-sch-sch-sch …..!“ – Er blies so heftig, dass alle Fenster, Türen und Fensterläden am Haus nur so klapperten.
Im Haus hörte man auf einmal das Lachen vom Kasperl bis in den Garten: „Hähähä, was ist denn nun los? – Da draußen tobt ja der reinste Sturm!“ Kasperl rief der Großmutter zu: „Großmutti, ich gehe mal raus in den Garten und guck nach, warum der gute Wind Roby plötzlich so ein fürchterliches Unwesen treibt!“
Kasperl öffnete vorsichtig die Haustüre und der Wind bläst ihm schon heftig ins Gesicht. Durch den Türspalt ruft er hinaus: „Hallo, Wind Roby, was ist denn los? – Warum lässt du unser ganzes Haus so fürchterlich erzittern?“ – Mit tiefer Stimme antwortet der Wind Roby: „Kasperl, hier braucht jemand deine Hilfe! – Ich kann leider nichts tun! Außerdem habe ich keine Zeit, denn ich muss weiter ziehen! – Ich bin ja schließlich für das ganze Märchenland zuständig!“ Lachend fragt ihn Kasperle, ob er ihm wohl beim Windmachen helfen soll. Doch der Wind Roby forderte ihn nur noch auf, sich das kleine Gartenbeet einmal genau anzusehen und dann brauste er mit mächtigem Getose ab weiter über das Märchenland.
Dadurch hat zumindest der starke Wind um Großmutters Haus nachgelassen und Kasperl konnte das Haus verlassen, ohne dass es ihn gleich davon geblasen hat. Als erstes ging Kasperl zum kleinen Gartenbeet und betrachtete es einmal ganz genau. Er suchte und suchte – und – auf einmal entdeckte er das erste kleine Schneeglöckchen für dieses Jahr. „Klingelingeling“, meldete sich das weiße Blümchen, „Kasperle, kannst du mir bitte helfen?“ – Natürlich wollte Kasperle dies gerne tun, aber er wollte erst einmal wissen, was er für das kleine Blümchen tun kann. Das kleine Schneeglöckchen erklärte ihm, dass es traurig ist, weil es so ganz alleine hier im Garten blüht. Seine Schwestern schlafen noch alle in der Erde. Es bat Kasperle, doch bei ihm zu bleiben und ihm Gesellschaft zu leisten. Doch Kasperle musste das kleine Blümchen enttäuschen, denn er kann doch nicht die ganze Nacht bei ihm im Garten bleiben. Erstens würde es ihm wohl sicher zu kalt werden und zweitens muss er – so wie alle anderen Kinder auch – in sein Bett und sich schlafen legen. Das Schneeglöckchen war nun ganz-ganz traurig: „Oje, ich armes Schneeglöckchen! – Was mache ich nur ganz alleine hier in Euerem Garten?“ Kasperle überlegte kurz und dann kam ihm eine Idee, wie er dem ersten kleinen Frühlingsboten helfen könnte. Er ist ja ein guter Freund der Blumenelfe, die vielleicht einen guten Rat haben könnte. Mit einem Spruch hoffte er, die Blumenelfe in seinen Garten zu locken:
„Blumenelfe, hörst du mich?
Ich, der Kasperl rufe dich!“
Und tatsächlich – mit Lichterblitzen und einer geheimnisvollen Melodie erscheint die Blumenelfe in Kasperls Garten. Sie wunderte sich, warum sie Kasperl gerade jetzt herbei gerufen hat. Schließlich ist der Winter ja die Zeit im Jahr, in der sie Urlaub hat und sie sich ausruhen kann. Denn bald wird es Frühling und es kommen wieder alle Blümchen aus der Erde und sie hat viel zu tun, um sie alle über das Jahr hinweg zu  beschützen. Kasperl musste sie da leider enttäuschen und ihr mitteilen, dass ihr Urlaub wohl heuer etwas früher zu Ende ist. Dann zeigte er ihr, das erste kleine Blümchen, dass in diesem Jahr schon aus der Erde gekommen ist. Die Blumenelfe wunderte sich, warum das Blümchen nicht wie seine Schwestern noch in der warmen Erde geblieben ist. Das Schneeglöckchen fand, es war Zeit, die Erde zu verlassen und hinaus zu sehen. Es bat die Blumenelfe, doch alle ihre Schwestern zu wecken, damit es nicht mehr so alleine im Garten ist.
Die Blumenelfe hatte da aber eine bessere Idee, denn solange der Winter nicht vorbei ist, sollen die kleinen Blümchen lieber noch unter der Erde bleiben, damit sie nicht erfrieren. Sie schlug dem Blümchen vor, auch noch etwas zu schlafen und erst dann, wenn die Frühlingssonne scheint, mit seinen Schwestern ans Tageslicht zu kommen. Und damit das Blümchen den restlichen Winter unter der schützenden Erde verbringen kann, schickte es die Blumenelfe mit einem Spruch wieder zurück:
„Neugieriges Schneeglöckchen, schlafe wieder gut,
in Mutter Erde’s sicherer Hut!“
Ein einziger, heller Glockenschlag war zu hören und es wurde kurz dunkel. Als es wieder hell im Garten wurde, war das kleine Schneeglöckchen nicht mehr zu sehen, sondern wieder zurück zur Mutter Erde gekehrt. Bevor die Blumenelfe den Garten wieder verlies und ihren Urlaub fortsetzte, bedankte sich Kasperle – auch im Namen des schon wieder verschwundenen Schneeglöckchens – für ihre Hilfe.
Ja, liebe Kinder, das kleine Schneeglöckchen muss noch bis zum Beginn des Frühjahrs schlafen. Ihr, aber auf alle Fälle erst einmal wieder bis morgen Früh! – Allerdings müsst ihr dazu nicht unter die Erde, sondern nur in Euer kuscheliges Bett. – Also, schnell unter die Decke und Heia machen.
Die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl wünschen Euch eine gute Nacht!

Elisabeth Herrnleben (GaPa, 2010)

Comments are closed.